Der Absprung

Marc ist auf der Höhe seines Erfolgs. Aber es ist einsam dort oben auf der Spitze und eine kalte Leere umschließt sein Herz. Er ist müde und sieht in all seinem Streben keinen Sinn. Für ihn gibt es keinen Weg mehr zurück. Diesen Abend entscheidet er sich für den Absprung. Wenn ihm nur nicht jemand zuvor kommen würde…

Hatte er an alles gedacht? Er ging alles auf der Liste noch einmal durch. Seine Wohnung, sein Vermögen, sein sämtliches Hab und Gut… alles würde aufgelöst werden und an karitative Vereine gespendet. Die Mails mit sämtlichen Anlagen würden zeitversetzt an seinen Anwalt und die jeweiligen Organisationen gesendet werden. Seine Familie? Sein Stiefbruder. Er würde davon in Kenntnis gesetzt werden, dazu einmal nicken, vielleicht am Abend in einer stillen Rückblende seine Kindheit betrachten und dann für sich Abschied nehmen. Er würde nicht auf der Beerdigung erscheinen. Würden seine Arbeitskollegen erscheinen? Vermutlich. Vielleicht aber auch nicht. Seine Freunde? Seine Freunde hatte er das letzte Mal vor etlichen Jahren gesehen und der Kontakt war eingebrochen. Er hatte sich nur noch um seine Karriere gekümmert. Sehr gut gekümmert. Bis heute. Die Geschäfte liefen prächtig. Das Geld sprudelte und seine Aktien gingen durch die Decke. Ja, er hatte sich seinen Traum, den Traum vieler Menschen erfüllt. Jetzt war Marc leer. Nicht müde, erschöpft oder ausgebrannt. Einfach leer. Ziel erreicht. So sollte es sein. Oder?
              Machte er es vielleicht falsch? Spielte ihm sein Gehirn nur etwas vor? Waren es vielleicht nur irgendwelche Substanzen, die ihm fehlten oder von denen es zu viel gab, die seine Stimmung so sehr beeinflussen, dass er dachte, der Sprung wäre das einzig sinnvolle? Vielleicht. Machte es einen Unterschied? Nein. Sollte er nicht doch noch einmal einen Arzt aufsuchen? Nein. Er war bei mehreren Ärzten. Er war in Kliniken. Sie alle hatten ihm kurzzeitig geholfen, aber dann brach es alles wieder ein. Die Leere kam zurück. Als hätte er versucht ein Bild in den Sand zu zeichnen, das immer wieder von den Wellen davongespült wird. Jetzt möchte er einfach nur selbst von den Wellen davongespült werden.  
              Dabei war Marc trocken. Seit vier Jahren. Er war nicht depressiv, nicht aggressiv oder manisch. Nicht einmal mehr traurig. Er war einfach nur…leer. Er vermutete, dass dies sicherlich als ein typisches Symptom für einen Burnout angesehen werden konnte. Aber er fühlte sich nicht ausgebrannt. Es war als blickte er in einen Abgrund und mit Gefälligkeit blickte eine Leere auf ihn zurück, die ihn zu sich rief. Und dies war ein geradezu behagliches Gefühl, dem er nicht mehr nachgeben wollte. 
              Er hakte jeden einzelnen Punkt auf seiner Liste ab und klappte seinen Laptop zu. Er stand auf, öffnete den Schrank auf der anderen Seite seines Büros und nahm eine hinter Aktenordnern getarnte Flasche Whisky heraus. Für den Fall der Fälle zurückgelegt. Marc schmunzelte. 1.500 Euro hatte er damals für sie gezahlt. Dann kam der dritte Entzug und es fand sich keine Gelegenheit mehr, sie zu öffnen. Wieso hatte er sie eigentlich verwahrt? Ein kleiner Hinweis, den er sich selbst hinterlassen hatte, dass er früher oder später wieder auf sie zurückkommen würde?
              Marc schloss den Schrank, zog sich sein Jackett über und ging mit der Flasche in der Hand zur Tür. Alles andere, sein Handy, seine Brieftasche, seine Autoschlüssel, ließ er zurück. Noch einmal blickte er sich um. Er hatte sich hier wirklich sehr schick eingerichtet, hatte seinen individuellen Charakter und Stil zur Vollendung gebracht. Es hatte Jahre gedauert, bis er seinen Stil gefunden hatte und jetzt passte alles perfekt zusammen. Nichts fehlte, nichts war zu viel. So könnte er es lassen. Jetzt können sie es abreißen. Er lächelte und verschwand in den Korridor des mittlerweile verlassenen, dunklen und stillen Firmengebäudes.
              Er ging an den Büros seiner Kolleginnen und Kollegen in der obersten Etage vorbei. Die letzten der arbeitswütigen Meute waren vor mehr als einer Stunde gegangen. Es war jetzt kurz vor Mitternacht an einem Samstagabend. Marc war meistens der letzte, der ging. Die Chefin selbst war selten in der Firma. Ihr Büro befand sich am Ende des Flurs und nahm den gesamten Westflügel des Gebäudes ein. Dieses Wochenende war sie zum Abschluss eines Deals nach Paris geflogen. Normalerweise begleitete Marc sie zu derartigen Geschäften, aber diesmal hatte er sich krankgemeldet.
              Er öffnete ihr Büro mit seiner Schlüsselkarte, schaltete das Licht ein und ließ den weiten Raum im sanften Neonlicht erstrahlen. Barbara hatte mit Erfolg dem Raum ihren persönlichen Touch verliehen, nachdem sie Sams Position beerbt hatte. Ausgerichtet für die großen Meetings mit einer Lounge für private und besondere Unterredungen. Es hatte einen abgetrennten Fitnessraum und ein voll und sehr edel ausgestattetes Badezimmer, das sie sich von einem angesagten Innenarchitekten im Sinne des Feng-Shui und im fernöstlichen Stil hat entwerfen lassen. Die Bilder an den Wänden hatten jedes für sich mehr gekostet als die Finanzierung von Marcs Studium, Bilder mit Titeln wie Grauer Kreis auf weißem Grund.
              Er ging um den Konferenztisch herum, erinnerte sich an die zahlreichen Meetings, den Jubel über die großen Geschäfte, die Frustration, wenn die Zahlen in den Keller wanderten und die stets unterdrückte Scham über all das, was zum Teil hinter den Zahlen stand, hinter den Deals. Irgendwann war die Seele wohl soweit abgestumpft und verkrustet, dass sich das Gewissen die Zähne dran ausbrach und letztlich ganz von diesem leblosen Ding abgelassen hatte. Manchmal fragte er sich, wie die anderen damit umgingen, ob sie überhaupt etwas spürten oder einfach nur noch funktionierten. Er könnte nicht sagen, wann ihm das erste Mal die Leere aufgefallen war, die ihm aus ihren Augen entgegenblickte und er könnte nicht sagen, wann sie ihm das erste Mal selbst aus dem Spiegel entgegenstarrte. Und es war nicht die gute Art der Leere, wonach buddhistische Nonnen und Mönche streben, sondern eine kalte Leere, ein Monster, dass mit der Zeit größer und mächtiger geworden war und in dessen Inneren er sich nun befand. Ohne zu wissen, wann es ihn geschluckt hatte und ohne Hoffnung, ihm wieder zu entkommen. Er entriegelte die Glastür zum Balkon und schob sie auf.
              Die Herbstluft war kühl, aber nicht kalt. Der Himmel war sternenklar, aber es war kein Mond zu sehen. Er trat hinaus und erinnerte sich an die ersten Jahre, in denen er hier oben eingezogen war. Alles war neu, aufregend und verbunden mit einem unglaublichen Hochgefühl. Jetzt läuft es ihm kalt den Rücken hinunter. „Ich bin der König der Welt!“, hätte er damals ausrufen können, besoffen von seinem Erfolg, seiner steilen Karriere. Aber das käme DiCaprio nicht gerecht als er es damals in den 90ern vom Bug der Titanic ausrief. In dieser Metapher wäre Marc eher die Titanic selbst. Ein Prestigeobjekt und ersetzbares Ausläufermodell eines auf Imperialismus gierenden Empires, dass blind, überheblich und ignorant seinem Untergang entgegensteuert und die Welt, die Realität ist der Eisberg, an dem es zerschellt.
              Marc lächelte erst verschmitzt und zurückhaltend, dann lachte er laut, ungehemmt und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Er könnte nicht sagen, was in diesem Augenblick so amüsant für ihn war. War es der Ballast, der abgefallen war, zu wissen, dass dieser ganze Blödsinn gleich vorbei wäre? Er zog den Korken aus der Flasche heraus und sog das torfige Aroma des Whiskys ein. Er hatte sich wieder beruhigt und blickte hinunter auf die Stadt. Ihre Lichter funkelten in der Nacht und hier auf dem Berg war es ruhig. Die Firma lag außerhalb der Stadt, innerhalb eines bewaldeten und hügeligen Geländes. Unter Marc erstrahlte der Park mit der Terrasse des Bistros direkt unter ihm. Dort würde er aufprallen. Es würde eine ziemliche Sauerei geben. Es hatte nichts mit einer bestimmten Message oder übertriebener Theatralik zu tun. Dazu hatte er nie einen Hang verspürt. Auch taten ihm diejenigen ein wenig Leid, die ihn entdecken und die anschließend die Schweinerei wegmachen müssten. Um ehrlich zu sein, hatte er sich überhaupt gar nicht so viele Gedanken um das Wie und Was danach gemacht. Eher kam dieser Plan schleichend, als würde Marc von einer unsichtbaren Hand geführt und eine Stimme, die ihm sanft ins Ohr flüsterte, dass es genau das Richtige sei, der richtige Ort. Vielleicht waren es die Wälder, auf die er zum Abschied noch einmal hinabblicken konnte.
              In seiner Kindheit und Jugend war er oft und gerne wandern. Die Berge waren nicht weit von seiner Heimatstadt entfernt und fast jedes Wochenende war er mit seiner Familie in die kleine Ferienhütte am See gefahren. Zumindest haben sie für zwei Jahre die Waltons gespielt, bis diese Farce ein abruptes Ende gefunden hatte. Dann hatten sich seine Eltern getrennt. Freddie blieb bei ihrer Mutter und sie sind weggezogen, Marc blieb bei seinem Vater, weil er seiner Mutter die Schuld an der Trennung gab. Er wusste nichts von den Verhältnissen, die sein Vater mit anderen Frauen hatte, bis er eine seiner immer wieder neuen Sekretärinnen mit zur Hütte nahm und er sie beim Akt von draußen durchs Schlafzimmerfenster erwischte. Marc wollte alleine wandern gehen, kam aber noch einmal zurück, weil er sein Regenponcho vergessen hatte. Sie hatten ihn nicht bemerkt.
              Marc war damals acht Jahre alt und konnte mit dem, was er sah nur bedingt etwas anfangen. Aber es verstörte ihn und er entschied aus Angst und Scham allein nach Hause zu laufen. Er ging abseits der Straße und wusste nicht, dass es allein zu Fuß mindestens vier Stunden dauern würde, bis er die Stadt erreichte. Zudem hatte er sich verlaufen, es wurde dunkel und hatte angefangen zu regnen. Er war bereits einige Stunden unterwegs, als er auf einmal die dunkle, wütende Stimme seines Vaters nach ihm rufen hörte. Er schrak auf und beschleunigte seinen Schritt durch den feuchten, matschigen Waldboden und da passierte es. Er rutschte aus, der Boden brach unter seinen Füßen weg und er wurde mit der Erdmasse die steile Böschung hinuntergetragen, direkt auf einen Abhang zu und fünfzehn Meter tiefer lachte ihm harter, spitzer Fels entgegen. Seine Hände versuchten im feuchten, schlüpfrigen Boden Halt zu finden. Erst im letzten Moment krallte sich Marc an einer Wurzel einer über den Abgrund ragenden Tanne fest, die ihn davor bewahrte hinunter zu stürzen. Dort schwebte er, zwischen Leben und Tod. Das fahle Mondlicht entblößte die scharfen Felsen, Reißzähne am gierigen Maul des Todes. Dort in der Schwebe zwischen Leben und Tod ließ das Schicksal ihn zum ersten Mal die Entscheidung. Er entschied sich in jener Nacht für das Leben, zog sich hoch. Am nächsten Morgen wurde er von der Polizei aufgelesen, zurück zu seinem Vater gebracht, der sich freundlich bei den Polizisten bedankte und Marc dann die Tracht Prügel seines Lebens verabreichte.
              Der Blick hinunter auf den kleinen Park seiner Firma brachte ihn wieder in die schwebende Position zwischen Leben und Tod zurück. Diesmal blickte er mit Ruhe und Gelassenheit hinunter in die Tiefe und lächelte ihr entgegen. Aber vorher würde er sich noch einen anständigen Drink genehmigen. Er ging wieder zurück ins Büro-Appartement seiner Chefin, nahm sich ein Glas aus dem Schrank hinter der Bar, öffnete das Gefrierfach des Kühlschranks und fand Eiswürfel. Drei Stück warf er in das Glas. Gerade wollte er es füllen, da öffnete sich die Tür des Büros und ein Schatten schlich sich hinein. In der Gewissheit, dass Marc dort im Halbdunkel unerkannte geblieben war, ging er hinter dem Tresen in Deckung. Wer konnte das denn noch sein? Seine Chefin und seine Kollegen arbeiteten spät, kamen aber selten zurück. Die Schritte bewegten sich langsam und behäbig. Weder waren es Absätze noch die Sohlen der Businessschuhe seiner Kollegen. Marc linste um die Ecke des Tresens, Glas und Flasche fest umklammert. Ein Einbruch?
              Es war ein Mann in einem dunkelblauen Overall, der in der Mitte des Büros stehen blieb und sich umsah. Anscheinend war es ihm verdächtig, das die Balkontür offenstand und nicht abgeschlossen war.
              „Hallo? Ist hier noch jemand? Hallo?“, rief er, aber Marc blieb stumm. Er war neugierig und wollte erst einmal beobachten, was der Mann vorhatte. Er kannte ihn. Seit etwa drei Jahren war er hier als Servicepersonal beschäftigt. Manchmal hatte man sich im Aufzug oder auf dem Flur getroffen und Smalltalk betrieben. Sein Name war ihm entfallen, trotz er ihn immer auf dem kleinen, metallenen Schildchen auf seiner Brust mit sich herumtrug. Aber Marc war in Erinnerung, dass er verheiratet war, zwei kleine Kinder hatte und sich für Fußball interessierte. Ansonsten war er einer dieser Schatten, die zwar immer präsent waren, aber denen er niemals viel Beachtung geschenkt hatte, seine wertvollen Gedanken an ihn verschwendet hatte.
              Marc beobachtet ihn, wie er zur Bar ging und sich eine Flasche Whisky herausnahm. Er öffnete sie, nahm einen tiefen Schluck. Der Whisky rann ihm am Kinn hinunter und tropfte auf seinen Overall. Er verzog das Gesicht, setzte ab und sah sich kennerhaft das Etikett an. Dann ging er hinüber zum Balkon und behielt dabei die Flasche in der Hand. Er trat hinaus und stellte sich an das Geländer. Dort stand er mit der Flasche in der Hand, nahm einen weiteren tiefen Schluck, blickte hinaus auf die Stadt und sah sich dann den bestirnten Himmel an. Durch den Mann war Marc auf seltsame Art auf sich selbst zurückgeworfen, ein Spiegelbild. In der Dunkelheit verschwammen Formen und Konturen, Anzug und Overall, 500-Euro-Haarschnitt und DIY-Maschinenschnitt, raue Arbeiterpranken und zarte, in Rosenblütenöl einbalsamierte Händchen mit manikürten Fingernägeln waren in diesem Schattenspiel miteinander verschmolzen und diese feinen Nuancen wurden in ihrer Belanglosigkeit aufgelöst.
              Marc entschloss sein Vorhaben zu vertagen. Irgendwie hatte ihn der Mann den Abgang versaut, aber er nahm es ihm nicht krumm, belächelte diese obskure Situation und beschloss, sich unauffällig und unerkannt aus dem Konferenzraum zu entfernen. Er würde warten, bis der Mann wieder weg war, ihm seine Pause gönnen und verflucht nochmal auch den verdammten Whisky. Vermutlich arbeitete der Mann mehr, als so mancher andere in diesem Laden und verdient gerade mal ein Zehntel des Gehalts.
              Langsam stand Marc auf, verließ seine Deckung hinter dem Tresen und schlich zur Tür, als er plötzlich hörte, wie der Mann sich am Geländer bewegte und sah, wie er mit einem Bein das Geländer bestieg.
              Marc spurtete instinktiv los und rief laut „Hey!“, aber der Mann beachtete ihn gar, war vielleicht schon von dem Whisky betäubt oder von seinem Vorhaben so sehr vereinnahmt. Vielleicht wollte er Marc auch nicht hören, wollte niemanden und nichts mehr hören. Er hielt die Flasche noch immer in seiner linken Hand, hockte jetzt mit beiden Beinen auf dem Geländer, beugte sich vor und stieß sich nur leicht ab. Das reichte aus und die Schwerkraft erledigte den Rest. In nur wenigen Sekunden wären seine Knochen Brei gewesen und der Mann sofort tot. Seine Kollegen oder wer auch immer hätten die Sauerei aufwischen müssen.
              Aber ein kräftiger Ruck am Kragen seines Overalls quetschte ihm die Kehle und er bekam keine Luft. Er ließ die Flasche fallen, sie fiel in die Dunkelheit hinunter und er hörte das Glas splittern.
              „Verdammte Scheiße! Was zur Hölle soll das?! Gib mir deine scheiß Hand!“, fauchte Marc zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während seine rechte Faust mit aller Kraft sich im Kragen des Overalls verkrampfte und er sich mit der linken Hand am Gelände stützte.
              „Nun mach schon!“, sagte er noch einmal.
Dann passierte es. Der Mann wurde wieder ruckartig klar. Seine Augen waren jetzt mit Schrecken erfüllt. Was hatte er getan?! Er fühlte sich aus einer Trance gerissen, aus einem Traum geweckt, mit einem großen Eimer Eiswasser. Er war jetzt wieder wach und wollte… leben. Panik ergriff ihn und er drehte und wandte sich, fuchtelte wild mit den Armen und Beinen, wie ein Fisch an der Angel zappelt. Marc spürte, wie sein Unterarm verkrampfte.
              „Hör verdammt noch mal, hör auf zu zappeln und gib mir endlich deine scheiß Hand!“
              Es gelang dem Mann irgendwie sich so zu wenden, dass er mit seiner rechten das Geländer zu seiner linken umschließen konnte. Der Druck in Marcs Faust ließ nach. Er zog jetzt mit letzter Kraft am Overall, der Mann konnte mit der anderen Hand das Geländer greifen und mit einem letzten kräftigen Ruck hievte Marc den Mann zurück auf den Balkon. Sie lagen erschöpft nebeneinander und ihm fiel das Namensschild an der Brust des Mannes ins Auge: Dave.
              „Das war ein zweihundert Euro Whisky.“, sagte Marc und atmete tief durch.
„Das tut mir leid.“, sagte Dave, die Augen weit aufgerissen, schwer atmend, als wäre er gerade aus einem Alptraum erwacht.
„Ich hole eine Neue.“, sagte Marc.

Dave und Marc hatten sich Stühle und einen kleinen Beistelltisch auf den Balkon gestellt. Den Whisky tranken sie jetzt gemeinsam auf Eis aus Gläsern. Sie plauderten und schwatzten, sahen sich die Sterne und die Lichter der kleinen Stadt an, lernten aneinander kennen. Lernten einander gut kennen, denn was bringt zwei Männer näher zusammen, als ein Selbstmordversuch zur gleichen Zeit, am gleichen Ort? Marc hatte ihm davon erzählt, was er vorhatte und warum er es tun wollte.  
              Er hatte erfahren, dass Dave an diesem Tag seinen letzten Arbeitstag angetreten war. Er war entlassen worden. Sparmaßnahmen. Zuvor hatte ihn sein Partner verlassen. Er war mit seinem besten Freund durchgebrannt. Dave war Mitte vierzig und für ihn war sein Partner, mit dem er seit dreizehn Jahren zusammen gewesen war, wohl immer der Fels in der Brandung. Marc hatte weiter erfahren, dass Dave es seit Geburt nicht leicht hatte, sie beide unter völlig verschiedenen Bedingungen aufgewachsen waren. Seine Familie war vor dem Bürgerkrieg im Nahen Osten geflüchtet, sein Vater hatte es nicht geschafft. Seine Mutter hatte nach vier Jahren hier einen anderen Mann geheiratet, der sich als gewalttätiger Säufer entpuppte, der ihn und seine Mutter regelmäßig geschlagen hatte.
              Er verbrachte seine Kindheit und Jugend auf der Straße. In der Schule fand er keinen Anschluss, hatte sich kleinkriminellen Banden angeschlossen und war mit sechzehn weggelaufen, denn sein Stiefvater hatte ihn mit seinem ersten Freund in seinem Zimmer beim rummachen erwischt. Er hatte ihn fast totgeprügelt und drohte seiner Mutter die Kehle durchzuschneiden, sollte er den Ärzten und der Polizei etwas Anderes erzählen, als dass er von ein paar Gangstern überfallen worden sei.
              Er lief weg und seine Mutter hatte sich bald darauf mit Pillen das Leben genommen. Dave driftete ab in Alkohol- und Drogensucht und erst die Psychiater, Therapeuten und Ärzte konnten ihm wieder eine Perspektive geben. Er lernte seinen Partner kennen, fand diesen Job hier und sein Leben lief zum ersten Mal in zufriedenen, glücklichen Bahnen.
              Als sein Partner ihn verließ und er zeitgleich die Kündigung erhielt, war es zu viel für ihn und er wollte seinem Leben ein Ende setzen. Aber er wollte, dass die Leute es sehen. Er wollte es nicht stumm und heimlich machen, wie seine Mutter. Er wollte, dass die Leute sehen, wie … ja, was sollten sie sehen? Den Armini- und Guccisoziopathen aus der Firma war ein Mann vom Servicepersonal so egal wie ein Fliegenschiss. Marc kannte seine Kollegen und Kolleginnen. Sie hätten sich wahrscheinlich noch lustig gemacht. Genauso, wie sie sich über seine zersplitterte Leiche lustig gemacht hätten. Die ersten Tage hätten sie Betroffenheit geheuchelt und dann wären die ersten geschmacklosen Witze aus ihnen herausgesprudelt. Was hatte er sich nur dabei gedacht, es hier zu tun?!
              „Weißt Du, Dave…“, sagte Marc und goss ihnen den letzten Schluck aus der neuen Flasche Scotch ein, „wir sind schon ein paar Idioten. Es gibt so hübsche Fleckchen auf diesem gottverdammten Globus und uns fällt nichts Besseres ein, als diesen Pissern aufs Buffet zu fallen.“ Er lallte und lachte und Dave stieg beherzt mit ein.
              „Was ist mit Dir? Was ist Deine Geschichte?“, fragte Dave und nippte an seinem Glas.
              Marc dachte nach. Er fühlte sich eiskalt erwischt und schämte sich. Dort saß ein Mann, der ein Leben in der Hölle hinter sich hatte. Ein kluger, netter Mann, der trotz allem seinen Humor und sein Herz nicht verloren hatte. Das spürte Marc sofort. Ein so starker und besonderer Mensch, der Schmerz und Liebe so intensiv gelebt hatte. Der gekämpft hatte und verdammt noch mal für all das mehr verdient hatte, als solch einen Abgang. Marc fühlte sich auf einmal wie ein Heuchler, ein Betrüger und er schämte sich für alles, einschließlich seines feigen Versuchs, sich so aus dem Staub zu machen.
              „Dave, mein guter Freund, bis jetzt hatte ich keine. Aber das wird sich ändern. Und Deine Geschichte wird verdammt nochmal weiter gehen!“
Sie tranken den letzten Rest des 200-Euro-Whiskys.
             
              Marc hatte noch am selben Tag gekündigt und in den darauffolgenden Wochen zusammen mit Dave Urlaub in Südfrankreich gemacht. Sie verbrachten die Zeit in einem kleinen Dorf in der Provence in einem Ferienhaus. Dort ließen sie es sich gut gehen und schmiedeten gemeinsam Pläne für die Zukunft. Sie verstanden sich auf Anhieb sehr gut und merkten schnell, wie gut sie sich ergänzten. Trotz ihrer unterschiedlichen Leben schienen sie in dem anderen einen Seelenpartner gefunden zu haben. Sie hatten vor dort zu bleiben und ein Restaurant zu übernehmen, dessen Besitzer einen Nachfolger suchte und den Marc bereits seit Jahren aus vergangenen Urlauben sehr gut kannte. Marc selbst verstand nicht viel vom Kochen, dafür war Dave darin leidenschaftlich begabt. Marc war dafür mehr als qualifiziert ein Dorfrestaurant zu managen und für das regionale und überregionale Publikum attraktiv zu modernisieren, ohne, dass es den alten Charme dafür einbüßen musste.
               Das Schicksal hatte sie zusammengeführt und sie mussten tief in den dunklen Abgrund blicken, der seine scharfen Zähne bereits bleckte und dessen gieriges Maul nach ihren Seelen lechzte. Gemeinsam konnten sie dem Monster entkommen und ein neues Leben beginnen, im Hier und Jetzt. Sie hatten in jener Nacht die Vergangenheit begraben. Sie blickten nicht mehr hinab und hatten den Absprung auf andere Weise geschafft. 

ENDE


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